Die Gravel Road

Schon lange ist die Farm verlassen, steht leer. Im ehemaligen Schafstall finden wir noch eine Kühlkammer, mit Haken an der Decke. Wollreste liegen in den Ecken, die Fenster sind zerborsten, die Türe ausgehängt. Die kleineren Ställe dahinter sind baufällig, abgebrannt. Das Farmhaus ist leergeräumt, durch die schmutzigen Fenster sieht man weiß verputze Wände, mit Spuren von Bildern, Kratzer auf dem Holzboden, eine alte, verbrauchte Küche. Rund um das Haus wächst das Gras kniehoch. Zwei trockene Palmen stehen im Hinterhof. Ihre langen Wedel wehen, wie grüne Stofffetzen, vor das Gebirgsbild. Der Blick schweift über die Felder und das Tal. Ein paar weiße baufällige Häuser stehen auf Wiesen. Auch verlassen. Zerrissene Kleidung, Plastikflaschen, Verpackungen und Metallstreben liegen auf dem Boden eines der Häuser. In einem anderen steht ein Babybett aus Holz, eine Milchflasche liegt draußen vor der Tür im Gras.

Eine Schlange liegt wie tot im Gras. „Sie stellen sich tot“, sagt Ilsa,“ und wenn du näherkommst, gehen sie auf dich los“

Wir ziehen uns zurück und gehen vorsichtig bis zum Fluss. Er fließt munter zwischen den Bäumen hindurch, strebt zum Meer, voller und breiter als gedacht. Bäume und Schilf säumen sein Ufer, gelbe und pinkfarbene Wildblumen wachsen auf den Uferwiesen. Eine Entenmutter schwimmt mit ihren Winzlingen im angrenzenden Damm. Als wir uns nähern, laufen die Kleinen schnell die Uferböschung hinauf und verstecken sich im hohen Gras. Am Himmel über uns kreist ein Greifvogel, andere Vogelstimmen zwitschern, es nähern sich Autos aus der Ferne über die Dirt Road, eingefüllt in Staub. Wir laufen durch das dichte Gelände und finden einen Damm, der sich gut gefüllt mit einer Decke aus Wasserblüten, zwischen den Bäumen versteckt hat. Das Wasser quillt über den Rand und versickert im Wiesen Marschland. In der Ferne kreischt eine Motorsäge. Das Gelände ist endlos, verbrannte Bäume, Wasserlöcher, ein heilloses Durcheinander, umgekippte Zäune, dazwischen weiße und rosa Blüten und Enten, die erschrocken das Weite suchen. Und dahinter die endlose Weite der Berge.

Die Gravelroad

Die Straße ist nicht geteert. Es ist eine gravel road aus festgefahrenem Staub, der gelb durch alle Ritzen dringt, es sei denn, es regnet. Dann verwandelt sich der Straßenstaub in Lehm. Die neue Heimat mag keine Zimperlichkeit. Schicke Schuhe sind fehl am Platz, wie Pantoffeln in der Wiener Staatsoper. Wanderschuhe statt Slingbacks. Nicht nur gut gegen Staub, sie schützen auch vor der Gefahr auf etwas zu treten, das zurück beißen könnte. Warum sind staubige Straße ein Symbol für Abenteuer? Wahrscheinlich liegt es an den Western und Karl May Filmen, in denen die Helden stets über staubige Prärien und durch Straßendörfer ritten, dem Guten zum Sieg verhelfend, aus Hollywood Sicht. Hier gibt es niemanden, der besiegt werden muss, hier gibt es Land, das bearbeitet werden muss, verfallene Häuser, die wieder errichtet, und Tiere, die weiden und sich hier wohlfühlen sollen.

Die Gravelroad

„I cut it to the bone“, sagt der Autoverkäufer, was auch immer dann noch übrigbleibt, vom neuen Fahrzeug, einem hübschen Ford Ranger, 4×4, fürs Gelände. Wir werden uns einig, wie üblich hier, sind viele Formalitäten zu erledigen.

Die dunklen Haare der Frau sind gekämmt, die Lippen rot. Ein scheues Lächeln und die selbstbewusste Aussage: „Ich brauche einen Job“. Das Leben war schwer in den letzten drei Jahren. Erst ein Sturm, der alles weggefegt hat, dann ein Feuer und schließlich so heftiger Regen, dass alles weggeschwemmt wurde. Da blieb nicht viel übrig von der Blumenfarm in den grünen Bergen. Wir werden sehen, ob wir zueinander finden.

Hinter dem Zaun der Nachbarn steht ein junger Springbock. Er schaut uns mit großen Augen an, als wir aussteigen. Dann fliegt er buckelnd in großen, wilden Sprüngen über die Wiese, die beiden fetten Schafe versuchen, es nachzumachen.

Zufällig laufen wir an Stuarts Antiquitäten Laden vorbei. Im Schaufenster stehen renovierte alte Sitzmöbel, innen ist es voll und unübersichtlich, eine Fundgrube. Er trägt verschlissene Jeans und ein blaues Hemd „worked and studied here and there“. Er hat ein Auge für bunte Lampen, Ottomanen, Tische und Stühle im Shabby Chic Stil. Sein riesiges Lagerhaus ist bis unter das Dach mit Schrott vollgestopft ist. Bei genauer Betrachtung findet man echte Schätze.

Die Gravelroad

Die Wale springen und plantschen. Man sieht sie vom Ufer aus. Im August ist Walsaison. Es ist Winter, viele Touristen sind unterwegs. Tagsüber ist es angenehm. Wenn es Abend wird, ändert sich das sehr schnell. Die trockene Kälte kriecht in die Knochen und lässt mich zittern. Für die Southern Right Wale aus der Antarktis bleibt momentan keine Zeit. Sie werden wiederkommen, im nächsten Jahr, hoffentlich.

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