Reise um die Welt, Teil 15

Im Gegensatz zur Atlantiküberquerung ist die Motivation, sich auf diese lange Reise zu begeben, eher gedämpft. Vierzehn lange Tage warten auf uns. Jeder Segler würde jetzt über uns lachen, denn da liegt die Dauer der Reise bei mindestens vier Wochen. Wir sind mal wieder alleine zwischen Wolken und Wellen auf einer der größten Wasserflächen der Welt. Nun sind wir nicht auf einer Vendée Globe Regatta sondern bleiben brav in Äquatornähe. Zwischen zwei Meeresströmungen, dem Humboldtstrom aus dem Süden und aus dem Norden kommenden Strom, wird man quasi am Äquator entlang geschoben. Der Wind kommt von der Seite, die Bedingungen sind günstig.

Leider wird es nichts mit den Osterinseln, weil wir bereits zu viel Zeit verloren haben. Wir wollen stattdessen direkt zu den Gambier Inseln fahren. Im Nachhinein ein großes Glück, denn wir hätten wenig Spaß gehabt, so schlecht war das Wetter auf dieser Route. Dennoch haben auch wir etliche Tage, an denen die Wellen sehr hoch sind und wir uns nicht sicher auf dem Boot bewegen können. Das bedeutet: viel lesen, ein bisschen therapeutisch stricken. Zum ersten Mal wird man dem Wunsch, keine Serien anzuschauen, untreu. Bisher war das Bedürfnis gleich Null. Passiert doch jeden Tag eine neue Geschichte und war so viel zu erleben, dass man nichts vermisst hat. Das ändert sich mit der Einschränkung der Bewegungsfreiheit dann doch ein wenig.

Ozean
Ozean

Interessant ist, dass man sich unterwegs eine gewisse Routine aneignet. Jeden Tag tut man bestimmte Dinge zu bestimmten Zeiten, ohne das vorher exakt geplant zu haben. Es passiert und entspricht dem Bedürfnis nach Struktur. Das ist auch auf kleinstem Raum und unter erschwerten Bedingungen möglich. Es gab ein Zeitfenster für Neues, eines für Anspruchsvolles, für Bewegung, für Gespräche und für Unterhaltung.  Das Zeitfenster für das Essen war groß und ungeheuer wichtig. Routine nimmt wohl die Angst vor dem Unbekannten und hilft, sich zu orientieren. Erstaunlich ist auch, dass man Geduld doch erlernen kann. Am Tag dreizehn kam aber dann doch ein wenig Unruhe auf und die Aussicht, eine ruhige Nacht ohne keine Motorengeräusche und Gewackel zu verbringen, übermächtig.

Endlich ist es dann soweit und im Fernglas ragt ein Berg aus dem Wasser. Der Anblick von Grün ist wie ein großes Geschenk. Wir nähern uns langsam und der Berg nimmt mehr Konturen an. Durch das Fernglas sieht man Palmen, Nadel- und flache Bäume, die an Jacarandas erinnern. Eine Mischung aus Norwegen, Schweiz und Schwarzwald. Dazwischen liegen kleine Sandstränden und Palmen. Wir fahren zwischen Riffen durch eine sehr schmale Fahrtrinne. Nach einer sehr konzentrierten Stunde haben wir dann unser Ziel erreicht und können den Anker vor Mangareva werfen. Dann wird die Fahne von Französisch Polynesien gehisst und wir wollen nur noch eins: feiern und dann schlafen.

Mangareva, Gambier Inseln

Zu Französisch Polynesien gehören fünf Inselgruppen. Die Austral Inseln, wo wir nicht hinfahren werden, das Toamoto Atoll, die Marquesa Inseln und die berühmten Gesellschaftsinseln, mit Tahiti und Bora Bora. Die Gambier Inseln sind relativ unberührt. Es gibt ein paar Gästehäuser, einen Flughafen aus ehemals französischen Militärzeiten und die boot people, die, wie wir, über den großen Teich, hierher kommen.

Mangareva
Mangareva

Die erste Übung ist, wie immer, die Einklarierung, an der wir alle teilnehmen müssen. Wir bevölkern die Mini Gendarmerie ; das Kommunikationsbedürfnis ist offensichtlich groß. Alle sitzen im Office und freuen sich über die Unterhaltung mit den Polizisten. Dann machen wir einen ersten Spaziergang. Auf den Inseln leben 900 Menschen, von denen die Hälfte in der Perlenzucht beschäftigt ist.

Perlenfarm auf Mangareva

Mangareva ist berühmt für seine schwarzen Tahiti Perlen. Die Bedingungen sind hier optimal. Das wollen wir natürlich auch einmal genauer anschauen und lassen uns von Marie in ihrem schwarzen Pick up ans Ufer fahren. Gegenüber liegt die Perlenfarm und wir steigen in ein Boot um und nähern uns dem, auf Stelzen gebauten, Holzhaus. Unterwegs sehen wir Männer, die große, flache Netze aus dem Wasser in ein Boot heben. Später erfahren wir, dass dieser Schritt in der Produktionskette die „lavage“, Reinigung, ist.

Alle 3 Monate müssen die Netze und deren Austerninhalt abgespült werden. Aber der Reihe nach. Im ersten Schritt müssen sich die Austern an einem Hanfseil ansiedeln und bis zur richtigen Größe heranwachsen. Sind sie geeignet, werden sie geöffnet und ein Stück Muskelfleisch wird zusammen mit einem runden Kern aus Muschelkalk in eine Art Tasche der Auster mittig eingesetzt.

Jetzt dauert es ca. zwei Jahre, bis sich, rund um den Kern, eine Perle gebildet hat. Erst dann wird die Auster geöffnet und die Perle „geerntet“.  In dieser Zeit müssen die Netze mit den reifenden Austern regelmäßig „gewaschen“ werden. Es gibt unterschiedliche Qualitäten. Perlen mit A Qualität haben maximal 10 % Unregelmäßigkeiten auf der Oberfläche.

Ebenso ist der Glanz ein wichtiges Kriterium. Es gibt sehr unterschiedliche Formen, von perfekt gerundet, was natürlich auch ein A Qualitätskriterium ist, bis hin zu einer ovalen, fast barocken Form. Der Ausflug hat sich gelohnt, denn wir dürfen auch selber eine Perle ernten, die wir behalten können. Einige von uns dürfen sich über perfekte Perlen freuen.

Perlenfarm
Perlenfarm

Aus einem Garten kommt eine junge Frau mit einer großen Tasche, aus der eine Schwanzflosse ragt. Neugierig betreten wir den Garten und werden von einem Hünen freundlich begrüßt. Er ist Fischer und verkauft seine Ware hier, in diesem Garten Eden. Heute hat er leider nichts mehr. Wir sollen morgen wiederkommen und werden am nächsten Tag mit einem 7 Kilo schweren Gelbflossen Thunfisch belohnt. Eine schöne Begegnung in diesem kleinen Paradies, über dem eine riesige Kathedrale trohnt, die ein größenwahnsinniger französischer Geistlicher im letzten Jahrhundert hat errichten lassen. Ein interessantes Denkmal einer verrückten Idee.

Mont Duff

Ziemlich aus der Form und Puste wandern wir auf den 400 Meter hohen Mt. Duff, wo wir mit einer gigantischen Aussicht belohnt werden. Auf dem Rückweg werden wir von allen, an denen wir vorbeikommen, freundlich gegrüßt. Die Frauen haben Blüten im Haar. Das ist kein Klischee, sondern sicher normal, wenn man von so vielen Blüten umgeben ist. Das einzige Geschäft im Ort, dass keine Lebensmittel verkauft, öffnet um 10:00 und schließt um 14:00h. Die Perlen Ladies sitzen gemütlich hinter den Verkaufstischen. Zwischendurch wird auch im Imbiss nebenan zu Mittag gegessen. Das Leben ist schön. Morgen verlassen wir diesen friedlichen Ort am Ende der Welt und bewegen uns weiter in Richtung Marquesa Inseln.

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