Reise um die Welt, Teil 21

Schottland in der Südsee - Neukaledonien

Die Überraschung könnte nicht größer sein. Ungläubig reibt man sich die Augen als diese erstaunliche Südseeinsel am Horizont auftaucht. „Wo bin ich?“ lautet die Frage angesichts dunkelgrüner nordeuropäisch anmutender Pinien, die in Reih und Glied am Ufer stehen. Dazwischen sieht man Strände, mit schneeweißem Pulversand, umsäumt von Palmen. Steil ragen die immergrünen schroffen Berge in die Höhe und es wirkt, als sei die Insel unbewohnt. James Cook gab der Insel wegen der Ähnlichkeit mit Schottland ihren Namen als er sie, 1774, bei einer Weltumrundung, entdeckte. Vom Wasser aus können wir kein Haus und keine Siedlung erkennen. Das ändert sich je näher wir der Hauptstadt Nouméa kommen. Eine moderne, fast mediterrane Stadt erscheint am Horizont. Hier konzentriert sich das Inselleben der 270.000 Einwohner dieser 18.518,92 Quadratkilometer großen Insel.

Schottland oder Südsee
Schottland oder Südsee?

Nickel und Europa

Wir sind in Frankreich. Anders als Martinique und Guadeloupe in der Karibik und Französisch Polynesien in der Südsee gehört Neukaledonien zwar zu Frankreich, hat aber einen Sonderstatus und gehört nicht zur EU. Den Unterschied merkt man nicht, höchstens, wenn es ans Bezahlen geht, denn das geschieht hier noch mit dem guten alten französischen Franc. Es ist Sonntag. Wir sind nicht im tiefreligiösen Tonga, wo alle Kirchenglocken läuten, aber das Erbe der Kolonialherren zeigt sich dennoch, alles ist geschlossen. Auf den zweiten Blick ist Nouméa genauso, wie man es, im ersten Moment, schon erwartet hatte. Eine moderne, saubere Stadt mit guter Infrastruktur. Neukaledonien hat die zweitmeisten Nickelvorkommen der Welt. Die Insel ist wohlhabend und das zeigt sich deutlich, besonders im Vergleich zu den bisher besuchten Südseeinseln. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt 9,8 Mrd. US Dollar. Im Vergleich dazu erwirtschaftet Fidschi, mit fast 900.000 Einwohnern, nur 4,5 Mrd.

Kanake bedeutet freier Mensch

Auch wenn man sich wie in Frankreich fühlt, gibt es ein Volk, das schon vor der Besiedelung durch die Franzosen hier zuhause war. „Freier Mensch“ lautet die Übersetzung des Wortes Kanake. 1873 nahmen die Franzosen die Insel in Besitz und schickten zunächst Sträflinge in ihre Kolonie. Die Ureinwohner verloren alle Rechte und wurden ins Landesinnere vertrieben. Heute haben sie einen Anteil von einem Drittel an der Gesamtbevölkerung.

Es ging nicht friedlich zu, und schon 1873 gab es erste Aufstände. Die Ureinwohner erhielten aber erst 1953 ihre Bürgerrechte von den Franzosen. Weitere Unabhängigkeitsbestrebung führten 1998 schließlich zum Abkommen von Nouméa, das den Sonderstatus der Insel begründet. Verschiedene Unabhängigkeitsreferenden, das letzte 2021, reichten bisher nicht zur Unabhängigkeit von Kanaky, wie das Land in der Sprache der Kanaken genannt wird.

Die freundliche Verkäuferin, in deren Geschäft ich eigentlich nur eine Cap kaufen will, liefert mir einen umfangreichen Abriss der Geschichte des Landes und macht aus ihrer politischen Meinung keinen Hehl. Ohne die Franzosen ginge es nicht und man sei zufrieden mit dem Lebensstandard und der Inselorganisation. Ob die Kanaken das auch so sehen, bleibt dahingestellt. Immerhin wird ihr kulturelles Erbe gewürdigt und hat mit dem Centre Culturel de Tijbaou ein eindrucksvolles Denkmal, das den Namen eines Führers der Unabhängigkeitsbewegung trägt, der 1989 von radikalen Unabhängigkeitsbefürwortern ermordet wurde.

Centre Culturel de Tjibaou
Centre Culturel de Tjibaou

Hier wird die Kultur der Kanaken lebendig. Im Garten findet man nachgebaute Cases, die 28 Meter hohen traditionellen Hütten der Clanchefs, an deren Eingängen Holzfiguren angebracht sind, die Wächter symbolisieren. Museumsexponate zeugen vom spirituellen Erbe, Natur- und Wiedergeburtsglaube des Volkes. Die Verbindung zu Pflanzen und Natur ist tief und in der Sprache der Kanaken gibt es viele Wörter für den Begriff Wurzel. Der nicht unbekannte Architekt Renzo Piano hat die Anlage konzipiert, die sich der französischen Staat einiges kosten ließ. Die Stahlkonstruktionen der einzelnen Gebäude sind traditionellen Hütten nachempfunden. Die Komposition strahlt Würde aus, verbindet Tradition mit Zukunft und ist ein respektvoller Ort.

Was hat der erste Weltkrieg mit Neukaledonien zu tun?

Wir sind neugierig und schließlich auf einer Entdeckungsreise. Auf unserer Tour sind wir im vergangenen Jahr über eine der gefährlichsten Straße der Welt in den Anden gefahren, haben interessante Grenzübergänge zu Fuß passiert, sind mit Haien getaucht, mit Walen geschwommen, auf Berge geklettert und durch stürmische Ozeane gefahren. Wie könnte uns da eine Fahrstrecke von 800 kurvenreichen Landstraßen Kilometern abschrecken. Einzig das ungläubige Gesicht des Autovermieters bei der Rückgabe macht deutlich, dass es wohl nicht der Normalfall ist.

Die Insel ist groß und wir erkunden als erstes den Westen. Er wurde als Wild West Country angepriesen. Die, mit großen Rinderfarmen und Pferderanchen besiedelte, rote Erde und die weiten Landschaften bestätigen diesen Eindruck. Es ist der 11. November, der Tag an dem Frankreich 1918 einen Waffenstillstand erwirkte und damit das Ende des ersten Weltkriegs einläutete. In jedem Dorf findet eine offizielle Feier mit Mitgliedern des Militärs, der Polizei und Feuerwehr statt. Festlich gekleidete Menschen halten Reden und die mit einer roten Schärpe dekorierten Bürgermeister sehen ernst und würdevoll aus. Das man diesen Tag auch am anderen Ende der Welt so festlich begeht, zeigt wieviel Wert Frankreich auf dieses Stück Erde legt.

Neukaledonien

Am nächsten Tag fahren wir in den Süden und schauen uns den Parc de la Rivière Bleue an. Der Natur Nationalpark mit großen Binnenseen, verstärkt den Eindruck, man sei in Nordeuropa. Zum Kanufahren ist mir nicht zu Mute, es pfeift ein kalter Wind über die eher karge Landschaft. Im Landesinnern finden wir dann aber schöne Spazierwege mit Flusstälern, murmelnden Bächen und kleinen Wasserfällen. Ein schöner Ausflug durch eine sehr abwechslungsreiche und unberührte Landschaft. Vom Nickelabbau merkt man nichts. Das ändert sich, als wir auf der Rückfahrt einen Abstecher zur Küste machen und, bei der Durchquerung eines Tales, auf der anderen Seite plötzlich eine gigantische Fabrik auftaucht. Ein surreales Monster in einer schmerzlich schönen Landschaft.

Weltkulturerbe und ein großes Riff

Neukaledonien

Neukaledonien ist von der größten Lagune der Welt umgeben. Ein Stück Weltkulturerbe. Nach dem Barrier Reef ist das Riff, das die Insel umgibt, das zweitgrößte der Welt. Inseln liegen in dieser Traumkulisse, unter anderem die Ile des Pins. Wir haben ein weiteres kleines Stück Paradies in diesem riesenhaft großen Ozean gefunden. Breite schneeweiße Strände, Alleen, gesäumt von knorrigen, windschiefen Bäumen, fast wie in Mecklenburg, wäre da nicht das türkisfarbene Wasser der Lagune und die runden mit Palmen bewachsenen Inseln inmitten der, verführerisch leuchtenden, grünen Pracht. Es geht beschaulich zu, auf Ile des Pins. Zweimal in der Woche kommt die Fähre, ab und zu hört man das Summen einer Propellermaschine. Ein friedliches Südsee Paradies.

Ile des Pins
Kunamera, Ile des Pins
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Aktuelle Beiträge

Podcast ht-stories

Blog-Abo / Newsletter

E-Mail*
Loading
Sabine Hakvoort

SABINE HAKVOORT

Der Blog für Global Thinker,
Veränderungsenthusiasten,
Sinnsucher, Fashion Lover,
Slow Traveller, Volunteers und
Familienmenschen